Interview mit Tommy Kunert

Du bist in den letzten Jahren immer weniger Gespannrennen und dafür Supermoto gefahren. Was sind die Gründe dafür?
Ich habe mit Gespannrennen angefangen und hatte irgendwann einfach genug. Supermoto fuhr ich schon länger so nebenher, da mir das Driften auf der Strasse schon immer gefallen hat. 2000 fing ich dann an Rennen zu fahren und war eigentlich von Anfang an flott unterwegs.

Nächstes Jahr kehren die Gespanne wieder von 750-ccm-Mehrzylinder auf 500-ccm-Einzylinder zurück. Wie beurteilst du diesen Schritt?
Das ist ein ganz klarer Rückschritt. Die letzten Jahre haben alle Fahrer ihre Motoren hubraummäßig

Tommy Kunert mit Bernd Kreuzer

aufgestockt, mit dem 500er geht jetzt sicher wieder das Bescheißen los. Argumente, dass die großen Motoren zu teuer sind, halte ich für dummes Gerede. Das Problem mit den Mehrzylindern war, dass nicht jeder die Möglichkeit hatte, sich ein Gespann extra für einen Mehrzylinder bauen zu lassen, da es extrem teuer ist. Bei denen, die selber mit Rumschustern angefangen haben, hat man ja gesehen, was dabei raus gekommen ist. Auf Langbahnen muss ein Mehrzylinder besser gehen, das wäre ausbaufähig gewesen. In Deutschland gibt es aber kaum Bahnen, auf denen diese Motoren ein Vorteil gewesen wären. Wenn ich auf einer 500 Meter langen Grasbahn fahre, brauche ich keinen Mehrzylinder, da reicht mir ein 500er. Würde man nur auf langen Bahnen fahren, hätten sich die Mehrzylinder auf Dauer von alleine durchgesetzt, auf kleinen Bahnen waren die Einzylinder aber einfach zu konkurrenzfähig. Das hätte man über das Reglement in den Griff bekommen und vereinheitlichen müssen. Die Hubraumwahl mit 750 ccm war auch schlecht. Diese Motoren sind nicht für Bahnrennen ausgelegt, man kommt mit ihnen nicht aus dem Start. Bis der 750er nach der halben Geraden das Schieben anfängt, bin ich mit meinem 600er-Einzylinder schon fast wieder in der Kurve.

Die DMSB-Offiziellen argumentieren für 500 ccm, dass wir international ins Hintertreffen gekommen sind, weil wir in Deutschland mit anderen Motoren fahren.
(Lacht). Das ist so ein großer Witz, was die daher bringen. Die haben sich wieder etwas aus der Nase gezogen, irgend einen Grund müssen sie ja aber angeben. Dass die deutschen Fahrer in der EM nichts gerissen haben liegt vor allem daran, weil sie nicht fahren können. Denen könnte man auch zwei 500er-Motoren ins Gespann bauen und es würde noch immer nichts gehen. Ich bin oft genug nur zum Spaß mit einem 500er-Motor gefahren und habe trotzdem gewonnen. Außerdem fahren die guten ausländischen Fahrer alle in Deutschland und von denen fährt keiner mit 500 ccm. Bei uns gibt es die meisten Gespannrennen, also sind die Ausländer mit dem gleichen «Nachteil» behaftet wie die deutschen Fahrer.

Ab 2005 gibt es eine 1000-ccm-Seitenwagen-WM. Bist du dafür zu begeistern?
Gespann ist Gespann und gefallen würde mir das auch. Dass ich mir aber selber ein Gespann dafür baue und mich richtig reinhänge, dafür habe ich nicht mehr die Zeit. Gibt mir einer die Chance ein solches Gespann zu probieren, würde ich das aber auf jeden Fall gerne tun. Vielleicht ändert sich dann ja sogar meine Meinung. Dass die 1000er jetzt WM-Status bekommen haben, ist eine tolle Geschichte, ich weiß aber nicht, ob sich die Deutschen damit identifizieren können. Im Moment gibt es bei uns sicher einen Aufschwung, weil es etwas Neues ist und die Zuschauer es sehen wollen. Ich glaube aber nicht, dass es bei uns einen Umschwung auf 1000 ccm geben wird, das wird wohl eine britisch-australische Geschichte bleiben.

In Deutschland kommt immer das Argument, dass nur die wenigsten Fahrer eine solche 1000er beherrschen. In Großbritannien, Australien oder Neuseeland gibt es nur solche Gespanne.
Auch in England gibt es eine A- und eine B-Klasse und nicht jeder beherrscht diese Gespanne. Bei den meisten englischen Bahnen ist es aber so, dass es so große Auslaufzonen gibt, da ist es egal, ob ein B-Fahrer das Gas zehn Meter später oder früher zu macht. Bei uns würden da schon lange die Bande und die Zuschauer oder womöglich ein Hauseck kommen. Auf der andren Seite wird in diesen Ländern ja auch auf Speedwaybahnen gefahren. Das kann aber nur einer, der mit wenigen Zentimeter Abstand neben einem anderen fahren kann.

Wenn es nach dir ginge, wie würde das Reglement für den Gespannsport aussehen?
Eine Zeit lang fuhr ich mit einem aufgebohrten 720-ccm-Einzylinder-MZ, das wäre das perfekte Konzept für die B-Lizenz. Mit diesem Motor kann man drei Jahre lang fahren ohne das Öl zu wechseln und es geht echt einfach. Ich hatte damals vorgeschlagen, eine Art Markencup einzuführen, in dem ein Fahrer am Jahresanfang 8000 Euro bezahlen muss, einen Motor bekommt und das ganze Jahr Rennen fahren kann. Das ist kein Geld im Motorsport. Einige fanden den Vorschlag gut, andere hatten Angst, dass ihr Gespann, das jetzt schon das ganze Jahr in der Scheune steht, dann nicht mehr zu gebrauchen wäre. Letztlich ging mein Vorschlag unter. In der I-Lizenz würde ich es bei 750 ccm lassen, zum Beispiel mit einem V2, wie mir Marcel Gerhard einen gebaut hatte.

Und Action

Siehst du außer Oliver Wehrle und Stefan Brandhofer noch weitere deutsche Gespann-Talente für die nähere Zukunft?
Wehrle hat sich diese Jahr super gemacht. Er fährt zwar noch mit den Hörnern auf dem Kopf, das legt sich aber noch. Brandhofer hat einen sehr schönen Fahrstil. Er wird nur langsam schneller, aber er wird mit Sicherheit schneller. Das sind zwei wirklich hoffnungsvolle Nachwuchsfahrer, die sicher mal sehr gut werden. International sehe ich noch Matthijssen. Er hängt sich wahnsinnig in die Technik rein. Er fragte mich schon, ob er mein Gespann vermessen darf. Ich war früher auch so ehrgeizig. Er ist zwar stocksauer, wenn ich ihn wieder einmal versäge, aber damit muss er leben, so lange ich noch fahre.

Wo siehst du dich im Vergleich zu Rekord-Europameister Josef Onderka?
Onderka war all die Jahre technisch auf dem besseren Stand als ich. Er hatte Anton Nischler hinter sich, dank dem er immer einen Schritt voraus war. Onderka ist mit seinem Material immer gut gefahren, während ich oft mit meinem gekämpft habe. Er hat sich sein Gespann so gebaut, wie er es braucht und ich bin auf einen Eisenhaufen gesessen und habe alles gegeben. Fahrerisch war er auf dem gleichen Level wie ich.

Bei welchen Gespannrennen werden wir dich 2005 sehen?
Das hängt davon ab, wie die Supermoto-Termine liegen. Selbst wenn ich mal an einem Wochenende Zeit habe, habe ich oft das Problem mit dem Startgeld. Unter einem gewissen Level fahre ich nicht mehr. Supermoto hat Priorität, wenn ich dann noch Zeit habe und man sich finanziell einigt, fahre ich auch noch Gespannrennen. Kommende Ostern will ich im italienischen Casteletto di Branduzzi ein Gespanntraining veranstalten, das bislang auch positiv aufgenommen wird. Mir macht Gespannfahren ja noch immer viel Spaß.

Thema EM-Titel-Verteidigung.
Ist geplant. Ich weiß im Moment aber noch gar nichts. Das hängt auch davon ab, ob mein Mechaniker Ede Starke weitermacht.

Den DM-Titel hast du durch eine sehr zweifelhafte Schiedsrichterentscheidung verloren.
Nach meinem Ausfall und der Disqualifikation von Wehrle dachte ich mir, dass das ausgleichende Gerechtigkeit wäre. Als der Schiedsrichter Wehrles Disqualifikation eine halbe Stunde später wieder zurück nahm, habe ich die Welt nicht mehr verstanden. Er verlor zweimal den Seitenwagenbügel, einmal im Training und dann im Rennen, das ist ein klarer Disqualifikationsgrund. Der Schiedsrichter hat uns den DM-Titel gekostet.

Im Gespann bist du Seriensieger, im Supermoto kämpfst du noch nicht so oft an der Spitze.
Momentan fahre ich noch mit einem Standardmotorrad und bin auch 10 bis 15 Jahre älter als die meisten Fahrer. Für das, dass ich noch nicht so lange fahre, komme ich ganz gut mit. In der 450er-Klasse habe ich es auch schon aufs Treppchen geschafft und bin meist so um Rang 5. In der großen Klasse fahre ich mit demselben Motorrad und hole regelmäßig DM-Punkte. Das ist gegen zehn oder zwölf Werksfahrer sicher nicht schlecht.

Ist schon klar, für welches Team und in welchen Serien du 2005 Supermoto fährst?
EM und WM sind mir zu teuer. Deshalb werde ich nur die DM in beiden Klassen fahren und vielleicht einmal einen EM-Lauf, wenn er in der Nähe ist. Ich werde wieder mit einem Motorrad von Honda Waldmann für das Grüter Team fahren.

Kannst du mit deinen Titeln im Gespannsport nicht mehr Geld verdienen als im Supermoto?
Schon. Wenn ich im Gespann aber zwei Motoren kaputt fahre, dann muss ich das ganze Jahr Rennen fahren, um das Geld wieder rein zu bekommen. Im Supermoto bekomme ich ein Motorrad, Ersatzteile und ein gewisses Kontingent Reifen gestellt, meine Ausgaben sind also viel niedriger. Dazu kommt, dass ich im Supermoto viel mehr zum Fahren komme als im Gespann. Ich habe im Gespannsport einfach schon alles erreicht und im Sport selbst hat sich auch nicht viel getan. Es gibt noch immer keinen Bahnrekord für Gespanne und die Gespanne stehen immer noch hinter den Solofahrern nach, obwohl viele Zuschauer die Gespanne genauso schätzen. Das liegt teilweise aber auch am Auftreten der Fahrer. Ich hätte da früher auch vieles besser machen können.